Hart aber herrlich – Alpencross 2007
Eine klassische Strecke für eine Alpenüberquerung mit dem MTB, die man allerdings so und so fahren kann. Von der Variante Kinderteller, über die halbe Portion bis hin zum XXL-Menü tun. Anders ausgedrückt: Bei den einschlägigen Veranstaltern für geführte Touren kann man von 350 KM mit 7.000 HM bis ca. 500 KM mit 13.000 HM, meist auf 7 Tage ausgelegt, alles buchen, was die Beine hergeben. Doch wir wollten mal wieder mehr fürs Geld und hatten eine 6-Tagestour mit 540 KM und maximal 18.000 HM geplant – allerdings inklusive einiger Optionen zum abkürzen oder ausweichen.
Tag 1
Während beppo und snooze schon in Garmisch weilten, reisten radfahrender und ich erst am Startmorgen an, direkt von einem Polterabend mit insgesamt ca. einer halben Stunde Schlaf. Nach einem ausgiebigen gemeinsamen Frühstück, umziehen, Parkplatzsuche und Räder vorbereiten, brachen wir am Sonntag morgen bei durchwachsenem Wetter in Garmisch auf. Angesichts meiner geringen MTB-Erfahrung (im Hochgebirge gleich 0) war mir schon etwas mulmig, was mich denn da so erwartete, aber es begann recht entspannt und ich konnte mich schnell an das Rad und den Rucksack gewöhnen. [inspic=401,left,fullscreen,thumb] Die ersten Hubbel waren nicht allzu lang und so war die Stimmung trotz Schiebpassagen an der grünen Grenze zu Österreich gut, als wir den Fernpass kreuzten. Was dann folgte, war eine Spur zu hart für meine zarte Rennradfahrerseele. Der Anstieg zum Dirstentrittkreuz begann mit gefühlten 20% Durchschnittssteigung auf den ersten 2 KM Schotterpiste . In Kombination mit überholenden und entgegenkommenden Fahrzeugen („Was wollen die denn überhaupt hier?“), dem real existierenden Schlafmangel und mangelnder Fahrtechnik entwickelte sich bei 3 – 4 km/h ein leichtes „Reizklima“, das auch am Gipfel trotz bestem Wetter nicht ganz ausgeräumt werden konnte. [inspic=128,right,fullscreen,200] Wir entschieden aufgrund der fortgeschrittenen Zeit dem Inntal-Radweg in Richtung Landeck zu folgen und fanden in Zams bei Familie Gigele noch zwei Zimmer. Der Service dort vom Wäschetrockner bis zum Frühstück war für 18€ p.P. einfach fantastisch. Beim Abendessen wurden die Unstimmigkeiten des Nachmittags mit ein paar offenen Worten ausgeräumt und die Strecke für den nächsten Tag besprochen. Die Wetteraussichten für Österreich waren äußerst bescheiden und so war das Ziel zunächst mal trocken über den Alpenhauptkamm zu kommen.
Tag 2
Das tolle Frühstück von Frau Gigele schaffte die Grundlage für die anstehende Flucht vor dem Regen. Eine Streckenabweichung kostete uns dummerweise direkt am Anfang eine Menge Zeit, anschließend ging es zügig Richtung Ischgl und nach einer Brotzeit machten wir uns auf den Weg zur Heidelberger Hütte, wo wir eigentlich übernachten wollten – so wie einige andere, die wir in der langen Steigung überholten. Die Aussicht wurde zunehmend grauer, dazu fiel die Temperatur rapide und leichter Regen setzte ein. Deshalb entschieden wir an der Heidelberger Hütte, die auf 2260 m liegt, weiter zu fahren, um nicht am nächsten Morgen hier oben zu stranden, falls das Wetter wirklich umschlagen sollte. Das bedeutete allerdings Trage-/Schiebepassage von rund 350 HM – wahrlich kein Zuckerschlecken mit Rucksack und Regenklamotten. [inspic=133,left,fullscreen,200] Oben am Fimberpass, mit 2608 m der höchste Punkt unserer Tour, hatte es noch 2° C und nach dem obligatorischen Foto sollte es schnell runter gehen, doch auch in der Abfahrt kamen wir immer wieder die Grenzen unseres fahrerischen Könnens aufgezeigt – mehrfach war absteigen und schieben angesagt. Dann schlug bei snooze auch noch der Defektteufel zu – Schlauch wechseln bei mittlerweile Dauerregen und Kälte erst recht kein Vergnügen. Zwischendurch war der Weg wieder einigermaßen fahrbar, dann fragte man sich plötzlich: Welcher Weg? Offensichtlich hatte der Fluss sich auf so seinem Weg ins Tal etwas ausgebreitet und Teile davon mitgenommen. Und das in der Schweiz, im Land der Präzision und Qualität! [inspic=402,right,fullscreen,thumb] Nach einer rasenden Abfahrt über Schotter und Asphalt mit Geschwindigkeiten jenseits der 80 km/h erreichten wir Ramosch und heuerten in einem uralten Gasthaus an, das von einem gebürtigen Holländer betrieben wurde und daher mit einer ganzen Armada an gelben Kennzeichen vor der Haustür aufwartete. Nach einer wärmenden Dusche durften wir erstmal beppos kleinen Zeh begutachten, den er sich bei einer unfreiwilligen Vollbremsung mit dem Schuh an einem Stein wohl gebrochenen hatte. Das Essen war reichhaltig und wurde im Jugendherbergsstil serviert. Seitdem heißt es zu jeder Mahlzeit: „Wir helfen gerne mit!“
Knisternde Spannung entwickelte sich an diesem Abend nur noch beim Schachspiel zwischen zwei Großmeistern, die sich wirklich nichts schenkten und sich am Ende beide mit einem Remis begnügen mussten.
Tag 3
Nun ja, das Frühstück war gut, aber das Wetter machte nun wirklich keine Lust auf Aufbruch. Aber was soll man machen? Regenklamotten an, Überschuhe zusammengeklebt und los. Leichter Regen und feuchte Straße bis Sur En, wo der Anstieg durch das Val d’Uina rauf zur Sesvennahütte beginnt. [inspic=138,left,fullscreen,200] Landschaftlich ist der Weg entlang der Uina Schlucht mit das beeindruckendste, was ich bisher gesehen habe. Der teilweise nicht mal 1 m breite Schotterweg windet sich über alte Schmugglerpfade am Berg entlang und durch den Berg hindurch. Für uns war das unfahrbar und manchmal beschlich mich schon ein komisches Gefühl, wenn es unmittelbar neben mir 200 Meter senkrecht runter ging. Jedenfalls kamen wir alle heil im Nebel an und wärmten uns erstmal in der Hütte bei Cappuccino und Apfelstrudel auf. Anschließen wurden im Eiltempo mal wieder 1300 Höhenmeter vernichtet. Es wurde wärmer, aber das sollte nicht von langer Dauer sein. [inspic=398,right,fullscreen,thumb] Auf dem Weg zum Tagesziel in Livigno holte uns der Regen wieder ein. Dennoch war das fahrerisch eines der schönsten Stücke. Ständiges rauf und runter auf schmalen Schotterpisten und Trails brachte nochmal richtig Leben in die Bude und trieb die Pulswerte Richtung Maximum. Der Regen wurde allerdings immer stärker, die Temperatur ging runter und so wurde in Livigno nicht lange gefackelt. Durchfroren und nass steuerten wir das erste Bike Hotel an, das für einen akzeptablen Preis die traumhafte Aussicht auf eine heiße Dusche und ein leckeres Abendessen bot. Beim 4-Gang-Menü wurde angesichts des dauerhaften Schneefalls eine Alternativstrecke über Asphalt für den Folgetag gesucht. Und nach einem letzten Absacker war dann auch mangelnde Bettschwere kein Thema mehr.
Tag 4
Als ich die Gardinen aufzog war sofort klar, dass wir querfeldein nicht weiterkommen würden. Rundherum war alles weiß, so kann es halt gehen auf 1800 Meter Höhe. Wir machten uns zügig fertig, verloren aber die gewonnene Zeit durch einen zufällig bemerkten, dringend notwendigen Bremsbelagwechsel an beppos Rad wieder. [inspic=400,left,fullscreen,thumb] Im Schneeregensturm absolvierten wir die 500 HM zum Fascagno, zogen uns für die Abfahrt alle verfügbaren Klamotten an und schlotterten uns bei gefühlten -20° Grad Windchill ins nächste Tal, wo die Sonne wenigstens wieder ein bischen wärmte. Doch nicht sehr lang, denn der Weg Richtung Süden wurde ein letztes Mal durch widrige Bedingungen erschwert. Der fahrerisch einfache Passo di Verva wehrte sich mit einem eisigen Wind, der zum Glück von hinten kam und einen über vereiste Pfützen förmlich den Berg hinauf trug. [inspic=144,right,fullscreen,100] Zwischen zwei Steinmauern gekauert zogen wir uns für die Abfahrt um, dann ging es tatsächlich endlich Richtung Sonne In einer unglaublich langen Abfahrt, die allerdings durch die Reparatur eines Speichenrisses am Fusion (TipTop-Ersatzspeiche sein dank) unterbrochen wurde, liquidierten wir 1600 HM. Nach einer Cappuccino-Pause folgte nur der legendäre Mortirolo, der sowohl vom Anstieg als auch von der Abfahrt her auch mit dem Rennrad sehr viel Spaß machen dürfte. Einige Kilometer Landstraße später erreichten wir Ponte di Legno, wo wir das erstbeste Hotel (nicht schön, aber wenigstens teuer) bezogen.
Tag 5
Der 5. Tag begann mit nassen Klamotten, da der „Hotelboy“ offensichtlich vergessen hatte, wie verprochen den Trockner anzuwerfen. Laut Höhenprofil sollte diese der absolute Hammer werden. Mit Passo del Tonale und dem sehr schönen Uphill nach Madonna di Campiglio und einem weiteren wahren Monster war an Ruhetag nicht zu denken. [inspic=403,left,fullscreen,thumb] Leider bedeutete ein Fehler im Roadbook oder die Bauwut der Skimafia in Madonna (wer weiß?) herumirren und Wegpunktsuche, was wertvolle Zeit kostete. Schließlich stand noch ein Riesenhubbel an, den wir am vorletzten Tag unbedingt noch bewältigen wollten. Durchs Trient folgten wir auf einer absoluten Landschaftsgenießerstrecke dem Fiume Sarca, der übrigens bei Torbole in den Gardasee mündet. So einen gepflegten Radweg habe ich vorher noch nie befahren. Mehrmals kam die Frage auf, wie diese kleinen Dörfer das wohl alles finanzieren und unterhalten. Egal, selbst EU-Strukturfördermittel kann man sinnloser ausgeben!
[inspic=150,right,fullscreen,200] Während einer Stärkungspause nahmen wir uns erneut Karten und Roadbook vor, denn inzwischen war klar, dass ein weiterer langer Anstieg nicht mehr zu schaffen sein würde. Nach langer Sucherei merkten wir plötzlich, dass Höhenprofil und Fahranweisung überhaupt nicht überein stimmten. Der im Profil verzeichnete Berg lag abseits unserer im Roadbook verzeichneten Strecke. Unser Problem hatte sich von selbst erledigt! Das verschaffte uns Luft und nicht mal ein Platten konnte die gute Stimmung trüben. In Zuclo war nochmal Sucherei angesagt, da das Roadbook zum zweiten Mal sehr merkwürdig formuliert war. Über eine kurze aber heftige Rampe erreichten wir schließlich Bondo, wo wir im einzigen Hotel des Ortes anheuerten. Halbpension und Wäscheservice gehören zum kleinen Luxus, den man sich gerne gönnt auf einer solchen Tour.
Tag 6
Schon beim Start machte sich leichte Euphorie breit. Das Ziel war “fast” schon in Sicht, dazwischen standen “nur” noch rund 2000 HM und genau hier lag das Problem, denn die 15.000er Marke sollte auf jeden Fall geknackt werden. [inspic=399,left,fullscreen,thumb]Folglich wurde um jeden Höhenmeter gekämpft, Strecken doppelt gefahren, Mini-Anstiege mitgenommen usw.! Und nach dem Passo di Rango stand nur noch der Weg über das Rifugio Garda zum Tremalzo. Beppo musste sich im Anstieg unbedingt noch mit einem Alpencross-Profi duellieren und entschied das Rennen in dsd-Manier natürlich für sich, erntete dafür aber eine Menge an “wertvollen” Tipps und mit den Worten: „Wenn Ihr mal einen richtigen Alpencross fahren wollt.“ sogar die Visitenkarte des Unterlegenen. Höhö!
[inspic=156,right,fullscreen,200]Die Schotterpiste mit Blick auf den Gardasee ist ein Traum, nur die zahlreichen Mountainbiker stören. Der Genuss wäre umso größer gewesen, wäre da nicht Plattfuß Nr. 3 gewesen und – Stürze am letzten Tag werden hoffentlich nicht zur Tradition – wenn es mir nicht noch in einer Kurve das Vorderrad weggehauen hätte. Zum Glück nur Blutergüsse und Schürfwunden – ab auf’s Rad und weiter, gar nicht erst drüber nachdenken. Die Aussicht auf ein großes Eis in Riva machte den Rest der Strecke erträglich und die Aussicht auf ein großes Weizen trug uns förmlich ins eigentliche Ziel nach Torbole. Nach dem dritten Weizen tat dann fast gar nichts mehr weh und der Abend klang stilecht mit Pizza und ein paar weiteren Bier in der Wind’s Bar aus.
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Rückreise
Der Transfer nach Rovereto war nicht weit, aber für beppo leider nur mit Immodium machbar. In der Waschanlage wurden die Räder schön mit dem Dampfstrahler gereinigt. Im Bahnhof dann Tickets gekauft, umgezogen und gemeinsam mit Dutzenden anderen Bikern begann eine beschwerliche Zugfahrt Richtung Garmisch, von wo aus wir mit dem Auto wieder Richtung Heimat fuhren.
Fazit
Ich hatte mir meinen ersten Alpencross in etwa so vorgestellt und deshalb mächtig Respekt vor verblockten Schotterpisten, schwierigen Trails und . Es ist ein völlig anderes Fahren als auf der Straße, aber es lief erstaunlich gut und von Tag zu Tag ging auch auf dem Fully mehr und mehr. Btw, beide Canyon Nerve XC4 liefen ohne jeglichen Defekt und schlagen damit die beiden teureren Räder (Nerve XC6 und insbesondere das Fusion Floyd) um Längen in der Zuverlässigkeitswertung. Das XC4 erhält damit die Auszeichnung: Choice of Champions!
Am Ende noch mal zurück zur Statistik: Wir kamen bei diesem Alpencross auf insgesamt 520 Kilometern und 15400 Höhenmetern in 6 Tagen, wobei die nackten Zahlen gar nichts aussagen. Unvergesslich machen einen solchen Trip die Begleiterscheinungen: in erster Linie die überwältigenden landschaftlichen Reize bei solchen Witterungsbedingungen, die fahrerische Anforderungen und insbesondere auch der Zusammenhalt in der Gruppe, die gemeinsamen Entscheidungen, Quälereien und Erlebnisse. Das geht einfach nur mit ganz besonderen Leuten!
dsd halt ![]()
War mir ein Vergnügen!
Fotos
[mygal=alpen2007]