Kopfsache - ErFAHRungen in Norwegen
Mein (sachlicher) Rennbericht von Trondheim - Oslo liegt immer noch halbfertig in meiner digitalen Ablage und schreibt sich nicht so recht allein zu Ende. Ihr wisst alle im Groben, was sich so zugetragen hat, hier nochmal die Eckdaten: 537 kM, 15 Stunden Regen, 6- 13 Grad, Gegenwind, 1 Sturz, 1 Beinahe-Sturz, mentale Blockaden bei einigen Teammitgliedern, RTF-Tempo, nur noch Ankommen usw. Ich hatte relativ zeitnah mal ein paar Sachen aufgeschrieben, die mir im wahrsten Sinne des Wortes während und nach dem Rennen durch den Kopf gingen. Man neigt ja doch dazu, die Dinge mit zeitlichem Abstand etwas positiv zu verklären. Daher im folgenden meine etwas unstrukturierten Gedanken, die ich unter dem noch frischen Eindruck der Ereignisse notiert habe.
Mehr als 36 Stunden später sitz ich am Flughafen und warte darauf, dieses - bei gutem Wetter wunderschöne - Land wieder zu verlassen. So richtig habe ich das Erlebte noch nicht verarbeitet und kann es nur schlecht in Worte fassen. Enttäuschung, Stolz, Machtlosigkeit, Freude, Erschöpfung, Kraft - es mischen sich so unterschiedliche Emotionen, wie ich es zuvor noch nicht erlebt habe. Ich fühle mich wie traumatisiert, was das Rennen angeht. Körperlich geht es mir super, der rechte Knöchel zwickt (wahrscheinlich ne leichte Sehnenscheidenentzündung), die Muskulatur ist noch etwas angespannt, der Rücken noch ein wenig steif. Aber das ist alle nicht wirklich schlimm. Interessant und neu ist, was im Kopf passiert.
Menschen, die mit Radsport wenig zu tund haben, glauben ja eh, man müsse verrückt sein, wenn man mehr als 100 KM mit dem Rad fährt. Wir wissen alle, dass das Quatsch ist, aber bei wirklichen Langstrecken neige ich in meiner momentanen Verfassung dazu Ihnen Recht zu geben. Man muss tatsächlich verrückt sein, um so etwas zu fahren, weil man mit dem “normalen” Verstand irgendwann nicht mehr weiter kommt. Der Kopf übernimmt die Kontrolle, solange der Körper funktioniert. Schmerzen an unterschiedlichsten Stellen kommen und gehen, man nimmt das alles zwar wahr, aber ignoriert es, weil man weiter fahren muss. Meine Sehne schmerzt jetzt nicht einfach so, sondern weil ich es versäumt habe, die Ratsche am Schuh etwas zu lösen. [Edit: Im Nachhinein stellte sich ein anderer Grund dafür heraus, aber es hätte trotzdem geholfen.] An so etwas hab ich einfach nicht mehr gedacht. Der Körper muss sich schon richtig bemerkbar machen, damit man ihn wieder wahr nimmt. Genau so vergisst man essen und trinken, spätestens da wird es gefährlich. Man muss sich immer wieder auffordern, trotz Regen einen Schluck zu trinken und einen Happen zu essen. Sonst gehen die Lichter irgendwann aus. Das kennt man natürlich auch von kürzeren Strecken, aber dieser innere Kampf wird mit jedem Kilometer härter. Nach zehn Stunden in Regen und Kälte schmerzt einfach alles, insbesondere die Körperteile, die nicht bewegt werden leiden richtig. Die Beine bewegen sich mechanisch und trainiert, aber der Rest ist steif und kalt - die gesamte Haltemuskulatur, Nacken, Schultern, Arme, Rücken, Selbst das Gesicht. Es fällt schwer, die Ellenbogen zu beugen, man verliert die Lust, nach hinten zu greifen und mit klammen Fingern in der Tasche nach einem Riegel rumzunästeln, den man eh kaum festhalten und aufreißen kann. Wenn man es geschafft hat, ist sogar das Kauen lästig. In solchen Momenten muss der Kopf sagen: “Das muss sein!” Sonst hat man irgendwann verloren.
Außerdem ist die Distanz für mich eine neue Erfahrung gewesen. Ich denke, jeder legt sich vorher eine Strategie zurecht, zählt Kilometer und Stunden, richtet sich Wegpunkte ein, zerlegt die lange Strecke und überschaubarere Teile. Meine Marathonstrategie (2mal 100 oder 120km) funktioniert dabei nicht mehr. Die Hälfte ist zwar immer so etwas wie ein Wendepunkt, aber 270KM sind auch nicht so richtig überschaubar. Da muss man schon dritteln oder vierteln und imaginäre Wegpunkte einrichten und trotzdem bleibt es eine lange Distanz. Hinzu kam das Wetter. Ich bin jemand, der gerne mal rechts und links der Straße in schöne Landschaften schaut, um den Kopf frei zu kriegen. Doch da war alles nur grau in grau, die Wolken hinken gefühlt zwei Meter über den Wiesen und Seen, die es dort wirklich geben soll. Keine Chance auf kurze positive Impulse und frische Eindrücke. Stattdessen nur die immer gleichen Farbtupfen der Trikots und Regenjacken und dahinter eine graue Wand. Auch akustisch wenig Abwechslung. Das obligatorische Ansagen der letzten Position im Kreisel entfällt, seit wir geschlossen hinter einem norwegischen Team herfahren, kurze Gespräche und Witzchen sind Mangelware, gesprochen wird immer weniger, alle ziehen sich in innerstes zurück. Ich versuche noch, ein wenig gegenzusteuern und die Leute, denen es schlecht geht anzusprechen und ein wenig aufzumuntern. Denn Lachen wirkt manchmal Wunder, reißt einen aus der Lethargie und gibt neue Energie.
Richtig schlimm muss die Situation für unsere Betreuerinnen und Betreuer sein. Sie sitzen hinten im Fahrzeug, können in der Gischt kaum etwas erkennen, müssen hoch konzentriert sein und können nicht viel tun, außer Flaschen und Verpflegung anreichen. Irgendwann greifen sie zum Äußersten
und versuchen uns über Megaphon mit “Eye of the Tiger” anzuheizen. Das sorgt für ein paar heitere, wache Momente - unbezahlbar in dieser Situation. Ich sehne mir Rinderhälften zum Draufboxen herbei, um mal wieder den Puls über 100 zu kriegen. Diese kleinen Dinge helfen, dass Kälte, Frust, und Leiden nicht kumulieren und einen ganz zermürben.

Zwischendurch habe ich mich gefragt, was in den Leuten vorgehen muss, die schon nach 150KM merklich platt waren und nicht mehr mit durch die Führung gehen konnten. Ich war gut vorbereitet, mein grenzenloser Optimismus hat mich auch diesmal nicht im Stich gelassen. Ich hab mich stark gefühlt, hatte super Beine und musste mich nicht einmal mit dem Gedanken an Aufgabe auseinandersetzen, aber um mich rum waren einige, die haben mir Sorgen bereitet. Wie muss es erst unseren Sturzopfern ergangen sein, die mit kaputter Hose, Schnitt- und Schürfwunden weiter fahren mussten? Was geht ab, wenn Aufgeben zur Alternative wird, wenn nichts mehr geht? Im Ziel konnte man es erahnen, denn da ging bei manchen plötzlich wirklich nichts mehr. Der Körper durfte endlich aufhören zu arbeiten und prompt klappten einige einfach zusammen, hingen über ihren Rädern, lagen in ihren Radklamotten auf der Matratze, faselten wirres Zeug oder schliefen über ihrem Hot Dog ein.
Die Grenzerfahrungen in diesem Rennen waren für mich extrem. Ich verstehe die “Faszination Langstrecke” jetzt erst wirklich. Ich hab mir in sportlicher Hinsicht nichts vorzuwerfen, weil ich alles gegeben habe und ich weiß, ich kann unter anderen Bedingungen schneller fahren. Es ist eine seltsame Mischung aus Stolz und Enttäuschung, doch so langsam lichtet sich der Nebel in meinem Kopf, ich kann wieder “trocken” denken und so erklärt es sich vielleicht auch, dass ich das Gefühl habe, da oben trotz oder gerade wegen der Umstände nochmal fahren zu müssen.
Marco aus dem Tour-Forum hat seine Eindrücke übrigens auf sehr schöne Weise in seinem blog festgehalten. Eigentlich ist damit fast alles gesagt. Aber mal sehen, vielleicht schaff ich es ja doch noch, den “richtigen” Bericht fertig zu stellen. Es war auf jeden Fall schön zu sehen, wieviel Anteilnahme und Unterstützung es in der Heimat gab. Ich möchte hier nochmal für jeden Anruf, jede SMS und jede Mail ganz herzlich bedanken!
Zum Abschluss noch ein paar Bilder vom Start bis zum Regeninferno…












Junge,
da läuft einem ein Schauer über den Rücken. Wie schon nach den ersten Berichten gibt es zwei Seiten in mir. Die eine ist neugierig auf diese Extremerfahrung, diese Gefühlsvielfalt, die andere winkt einfach nur ab, ob dieses Wahnsinns.
Die Strecke irgendwie fahren ist schon eine extreme Sache, aber in einer auf Höchstgeschwindigkeit abzielenden Truppe ist das nochmal was anderes. Ich kann mir kaum vorstellen, die Konzentration für ein anständiges Gruppefahren so lange zu halten. Jede Unachtsamkeit kann zum Massensturz führen. Dazu noch die von Dir beschriebene Gedankenkirmes, insbesondere bei Leuten, die nicht so gut drauf waren wie Du…und dieses Wetter !
Unglaublich und dennoch bleibt diese Neugier, diese Lust sich zu erproben, Grenzen auszuloten - wider besseren Wissens….miese Fahrtechnik, zu wenig Disziplin, zu hohe Aufgabebereitschaft…ein wenig verdränge ich das alles. Vielleicht gibt es noch mehr, denen es ähnlich geht ?!
In Deiner Truppe für nächstes Jahr hätte ich jedenfalls nichts verloren - Schuster bleib’ bei Deinen Leisten.
Respektvolle Grüße, mir sinn stolz op Dich
↓ Quote | Posted 2. July 2007, 20:29Jock
Dafür melde ich mich gerne hier an.
Und ich muss es nochmal sagen:
Wahnsinn, alter Kollege, meinen allergrößten Respekt!
Und mit dem Bericht hier kannst du jeden Literaturwettbewerb gewinnen (also statt T-O demnächst in Klagenfurt beim Bachmann-Preis!?).
Wenn du nächstes Jahr wieder fährst (klar, wie ich dich kenne), dann bitte webcam auf dem Helm. Der Ticker war nicht schnell genug…
Klasse, Respekt und Grüße aus dem hohen Norden!
↓ Quote | Posted 2. July 2007, 23:08[...] – Oslo 2007 war ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges Rennen für mich. Die Regenschlacht von Norwegen hatte noch lange Spuren hinterlassen – sowohl körperlich (Achillessehnenreizung) als [...]
↓ Quote | Posted 9. August 2008, 16:32