Korrektes Rennen – richtich derbe wa!
Ich hatte mich mal wieder breit schlagen lassen… Komisch – so beginnen meine Berichte immer mal wieder. Viel gehörte nicht dazu, mich am Saisonende (18.10.) zu einer Teilnahme an “Hamburg – Berlin” vom Audax Club Schlewsig Holstein zu überreden, zumal ich schon 2007 damit geliebäugelt hatte. Wie dem auch sei, unter Ausschluss jeglicher Eigenverantwortung ließ ich mich von Cheforganisator Axel Fehlau (Danke!) anmelden.
Freitag nachmittag ging es los. Räder in den Bus, Klamotten rein und dann bis Münster die restlichen Mitfahrer einsammeln. Dank zähflüssiger Autobahnen trafen wir erst gegen 22 Uhr in Hamburg ein und bezogen Quartier einige hundert Meter vom Startort entfernt, wo wir schnell noch die Räder und Verpflegungsboxen fertig machten und nach einem Absackerbierchen in den Schlaf fielen – so gut es halt ging. Schnarch…
Der Wecker klingelte um 6 Uhr, unsere Startzeit war auf 7:26 Uhr terminiert, gestartet wird im Minutenabstand. Dazu muss man erläutern: Hamburg – Berlin ist ein Mannschaftszeitfahren im öffentlichen Straßenverkehr mit freier Streckenwahl. Nur Start und Ziel sowie ein Kontrollpunkt sind vorgegeben, aber im GPS-Zeitalter ist das ja kein Problem mehr. Dr. Garmin war über die schnellste Route bereits im Vorfeld informiert. Teilnehmen können Einzelfahrer und Teams mit 2-5 Fahrern, Zusammenschlüsse mehrerer Teams auf der Strecke sind erlaubt.
Als Vitargo Team starteten wir mit 4 Trondheim – Oslo 2008 Teilnehmern und bereits im Vorfeld war klar, dass wir mit der RG Uni Hamburg gemeinsam fahren würden, in der zwei weitere TO-Kameraden am Start waren. Nach einem liebevoll vorbereiteten Frühstück im “Alten Fährhaus” Hamburg-Altengamme ging es pünktlich los, die Hamburger rollten uns nach etwa 45 Minuten auf. War es bis dahin recht ruhig, wurde es plötzlich hektisch und deutlich schneller, denn das Team “Hamfelder Hof” (Sieger 2007) war uns aufgrund einer verlorenen Satteltasche auf den Fersen. Alle Gegenwehr half nichts, wer hinterfährt ist halt im Vorteil und so kam es auch mit der 5er-Herde in den Kuh-Trikots zum Zusammenschluss. Taktisches Geplänkel war die Folge und meine Laune verschlechterte sich zusehend, denn erstens ist das grundsätzlich nicht mein Ding, zweitens ist das gefährlich und drittens wollte ich für mich/uns persönlich eine gute Zeit fahren. Etliche Kilometer später einigten wir uns darauf gemeinsame Sache zu machen, um 200 m später unterschiedliche Streckenvarianten zu fahren. Das ist halt Hamburg – Berlin. An der Kontrollstelle Dömnitzer Brücke waren wir jedoch wieder alle vereint und fuhren nach kurzem Verpflegungsstop mit 14 Mann weiter Richtung Osten.
Zwischendurch sammelten wir aus einer überholten Gruppe einen weiteren Fahrer auf, der sich als echter Lutscher (Parasit trifft es besser) erwies, weil er nicht einen Meter Führungsarbeit leistete und noch nicht mal guten Willen zeigte. Der Wind blies über weite Äcker und plattes Land mit Stärke 4-5 aufgrund der Streckenführung immer stärker voll von der Seite bzw. schräg von vorn und da jeder versuchte noch einen Fitzel Windschatten zu erhaschen zog sich die Gruppe in die Länge und drohte auseinander zu reißen. Auf einer Fahrspur ist nun mal nur Platz für 5 Mann nebeneinander. Um dem Wind zu trotzen, initiierten wir einen Kreisel, der anfangs leidlich, aber mit der Zeit immer besser funktionierte. Trotzdem mussten einige Fahrer aus unserere Zweckgemeinschaft der unökonomischen Fahrweise Tribut zollen. Wir ließen also die Herde schweren Herzens ziehen und konzentrierten uns darauf, eine saubere 2er-Reihe (mit den stärkeren Fahrern rechts) zu fahren. Noch sehr lange sahen wir die Jungs vom Hamfelder Hof nur wenige hundert Meter vor uns, doch die minimale Tempoentschärfung half unseren Angezählten sich einigermaßen zu erholen.
Ab Nauen hatten sich alle wieder gefangen und das Tempo zog deutlich an, war dabei aber stets rythmisch. Die letzten Tropfen aus den Wasserflaschen wurden sozialisiert, nur unser “Anhängsel” war inzwischen trocken gelaufen und musste sich “leider” verabschieden. Wir nehmen ja sonst wirklich jeden mit, aber ich glaube, an diesem Tag hatte niemand wirklich Mitleid. Die Kilometerzahl in Richtung Berlin schmolz kontinuierlich und das erste Ortsschild war nicht mehr weit, doch irgendwas ist ja immer: Je näher wir kamen, desto mehr interessierte mich die mögliche Zielzeit. Netto sollte eine Zeit unter 7:30 h kein Problem sein, aber wie lange war die Standzeit an den 3 Ampeln und der Verpflegungsstelle? Ich hatte keine Ahnung und so ging es mit einer Portion Unsicherheit und Zeitdruck nach Berlin rein. Wieder zwei rote Ampeln, ich hätte platzen können. Links abbiegen, rechts abbiegen und plötzlich sahen wir nicht mal einen halben Kilometer vor uns das Team Hamfelder Hof. Der Anblick mobilisierte die letzten Reserven und es gelang uns tatsächlich sie auf der letzten Rille in der Zielstraße beim Suchen der Einfahrt zum Ruderclub noch einzuholen. Gemeinsam rollten wir auf den Hof, was irgendwie für alle Beteiligten ein würdiger Abschluss war. Ich rief den Zeitnehmern unsere Teamnummer zu und tatsächlich sprang die Funkuhr gerade erst auf 14:55 Uhr um, so dass wir auch brutto mit 7:29 h am Ziel unserer Wünsche waren.

Bei Bier, Brötchen und Milchreis hatten wir noch ausreichend Zeit uns auszutauschen und die familiäre Atmosphäre bei dieser wirklich wunderbaren Veranstaltung zu genießen, bevor wir mit dem Bus von Race-Support in die Nacht rein Richtung Köln fuhren. Die Herde hat verdient gewonnen (Glückwunsch aus Köln!), wir wurden aufgrund der früheren Startzeit hinter den Hamburger Freunden sehr gute Dritte. Und ich hab wieder eine neue Erkenntnis gewonnen: 270 KM können im Oktober richtig weh tun!
Allet in allem find ick Hamburg – Berlin ma richtich geil wa!