Kennst Du die Berge, die Berge Tirols?
Zum Abschluss für eine anstrengende Dolomitenwoche hatten wir uns den TirolWest Radmarathon ausgesucht, der zum Chiba Alpencup gehört und dieses Jahr zum ersten mal ausgetragen wurde. Samstags fuhren wir von Corvara nach Zams, das nur 3 KM vom Start-/Zielort Landeck entfernt liegt. Die Pension kannten wir noch vom Alpencross 2007 und die Vermieter Herr und Frau Gigele sind einfach einmalig nett und hilfsbereit. Samstag nachmittag holten wir Startunterlagen, Trikot etc., wo wir Nippes aus dem Forum trafen, der sich spontan zum Start entschieden hatte. Anschließend machten es sich die meisten im Garten bei Kaffee und Kuchen gemütlich und kalibrierten die Räder für Sonntag.
Es war bestes Wetter vorhergesagt und so stieg auch wieder die Lust aufs Rennen. Bei regen hätte ich mir das mit dem Start überlegt – vielleicht. Mit Frau Gigele wurde Frühstück um 4:45 Uhr ausgehandelt, damit auch alle genug Zeit für “was auch immer” hatten. So saßen wir mit kleinen Augen nach einer kurzen Nacht schön in Radklamotten am Tisch. Fast pünktlich um 6:02 Uhr ging es los Richtung Landeck.
Die Startblockaufstellung war wie Anmeldung und Pastaparty am Vortag fast schon familiär, das kennt man von Ötzi & Co auch anders. Der Startschuss fiel um 6:30 Uhr und irgendwie war immer noch nicht klar, ob wir das Ding jetzt alle zusammen in der Gruppe fahren oder ob jeder auf eigene Rechnung unterwegs sein würde. Das würde sich dann halt unterwegs ergeben. Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, aber nach der Woche und dem wirklich harten Freitag, hatte ich überhaupt kein Gefühl dafür, wie es laufen würde.
Bis Bielerhöhe blieben wir jedenfalls zusammen in einer größeren Gruppe, in der mal wieder ein paar freundliche Fahrkünstler unterwegs waren. Der Umgangston ist schon manchmal bemerkenswert, besonders wenn man Leute auf ihre Fahrfehler anspricht. Schön war, dass wir plötzlich auf Wildspitze trafen, der fleißig Fotos machte. Tja, am Kronplatz gesucht, kurz vor Ischgl gefunden- die Welt ist klein. Der lang gezogene Anstieg, der sich eben unter anderem durch den mondänen Skiort Ischgl zieht, wird am Ende relativ steil und so zog sich das Feld vor der Abfahrt ganz gut auseinander. Ich füllte an der Verpflegung auf der Passhöhe meine Flaschen und als ich sah, dass einige von uns auch schon wieder auf den Rädern saßen, rollte ich langsam los. Die Sicht oben war bescheiden, das machte die Abfahrt in den ersten Kehren nicht ganz ungefährlich. Kurz vor der vierten oder fünften Kurve auf einmal einen Schrecksekunde. Beim Anbremsen der Kurve blockierte mein Vorderrad in einer tiefen Bodenwelle und das Hinterrad hob ab. Glücklicherweise konnte ich es noch recht gelassen abfangen, hörte aber später, dass offenbar genau an der Stelle jemand gestürzt war.
Nach einer wahren Überholorgie erreichte ich das Tal und mit einer größeren Gruppe ging durch Vorarlberg/Montafon. Blitzdings war auch dabei, aber von den anderen fehlte jede Spur. Wir wollten die gut laufende Gruppe nicht aufgeben und ließen uns komfortabel in den Beginn Flexen-/Arlbergpass kutschieren.
Nach der Verpflegung merkte ich, dass ich mich zunehmend wohl fühlte – ganz im Gegensatz zu Blitzdings krachender Schaltung (immerhin fuhr er bis dahin ohne Platten). Schließlich meinte er, er würde etwas rausnehmen und ich solle ruhig fahren, was ich dann auch tat. Der Flexenpass kam mir entgegen – nicht zu steil und gleichmäßig, so konnte ich einen nach dem anderen überholen. Beeindruckend sind die Passagen durch die mit einer Dachkonstruktion ausgebauten Galerien, allerdings war da auch gerade eine längere Baustelle, so dass wir über Schotter fahren musste. Das Plattentrauma machte sich wieder bemerkbar, doch diesmal ging alles gut. Die Abfahrt durch Lech ins gleichnamige Tal ist schnell, aber vergleichsweise einfach. Eine regelrechte Autobahn, gefährlich und nervig war dabei nur der Sonntagsverkehr (Reisebusse, zahlreiche Mottorräder und Cabrios) – verschärft durch Ferienbeginn in Bayern. Zwischenzeitlich dachte ich, ich hätte mich verfahren, weil ich ganz allein unterwegs war, aber irgendwann sah wieder einen Radfahrer mit Startnummer vor mir. Eine halbe Ewigkeit fuhr ich allein, dann sah ich eine Gruppe am Horizont, doch ich brauchte bestimmt noch 10 KM, um das Loch zuzufahren. Im Endeffekt war es gut so, denn so konnte ich Kräfte sparen vor dem “berüchtigten” Hahntennjoch. Dort geht es auch gleich munter rein – munter im Sinne von Steigungsprozenten über 10%. Gemeinsam mit zwei Franzosen ging ich verhalten an, aber mein Langstreckenmotor lief mittlerweile erstaunlich gut und ich konnte mich von den beiden absetzen. Wieder war Überholen angesagt und das gibt natürlich Auftrieb. Irgendwann sah ich im flachstück Anna Corona vor mir und gab nochmal extra Gas, damit sich die Dame nicht bei mir dran hängt. Seit dem Ötzi hab ich die gefressen.
Bis oben fuhr genau einer in den steilen Rampen an mir vorbei und das war ausgerechnet Nippes, der zu allem Übel auch noch ohne Stop an der Verpflegung vorbei fuhr, was mir zu heikel war.
Ich füllte also meine Flasche und gab auf der Abfahrt ordentlich Gas. 20 KM vorm Ziel wurde es flach und ich machte weiter Druck, ich wollte Nippes vor der Ziellinie unbedingt nochmal wieder sehen. Zwei überholte Radler reihten sich ein und plötzlich sah ich ein weißes blau/rot gemustertes Trikot vor mir. Da war er, grinsend fuhr ich mit einer blöden Bemerkung vorbei. Nippes antwortete nur, dass er mich auf dem flachen Stück schon erwartet habe. Mit ordentlich Druck auf dem Pedal absolvierten wir gemeinsam in einer 4er Gruppe die letzten Kilometer und erreichten das Ziel nach 218KM und 3750HM in 7h22min brutto (Nettozeiten wurden nicht ausgegeben). Nur 13 Minuten später kamen Beppo und Blitzdings strahlend rein, dahinter Keats und zum Schluss noch unser Onkel Jock gemeinsam mit unserem “Benjamin”. Mit etwas Abstand rollte Frank kam Frank an, aber da standen wir schon geduscht auf dem Balkom und jubelten ihm zu.

Insgesamt eine tolle Veranstaltung mit guter Verpflegung und freundlichen Helfern. Tirol ist auf jeden Fall eine Reise wert. Hoffentlich behält sie sich ihren familiären, überschaubaren Charme. Die Schummelei mit den Höhenmetern (laut Ausschreibung 4400) kann sich der Veranstalter angesichts der super Rahmenbedingungen allerdings schenken.
Glaubten wir anfänglich noch Platz 4 in der Teamwertung erreicht zu haben (stand auf den Ergebnislisten) war
es letztlich der siebte Platz. Auch nicht schlecht für eine “wir sind kein Verein – Mannschaft”. Belohnt wurden wir von Frau Gigele mit Kaffee und Schnaps, die abendliche Pommes-Schlacht im Gasthof Gemse wird sicher in die Geschichtsbücher von Zams eingehen. Wichtiger als Zeiten und Platzierungen war auf jeden Fall der gelungene Abschluss einer super Woche mit einer “super Truppe” (Zitat Frau Gigele). Dem hab ich nichts hinzuzufügen.