Norway in a Nutshell

Trondheim – Oslo 2007 war ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges Rennen für mich. Die Regenschlacht von Norwegen hatte noch lange Spuren hinterlassen – sowohl körperlich (Achillessehnenreizung) als auch mental (Grenzerfahrung). Doch das war kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen. Als einer der wenigen aus dem 3-Länder-Team hatte ich einen neuerlichen Start nie kategorisch ausgeschlossen und so kam mir TO-Veteran Axel Fehlau mit seiner Frage „2008 schon was vor?“ im November 2007 gerade recht.

Vorspiel

Die Rahmenbedingungen passten, denn Axel wollte bei seiner 15. Teilnahme unter 16 Stunden bleiben und tat alles dafür, ein starkes Team aus allen Teilen Deutschlands zusammen zu stellen. Zuhause war eh schon ohne große Worte klar, dass ich es erneut versuchen wollte. Nur diesmal wollte ich nicht alleine nach Skandinavien und so planten wir kurzerhand noch unseren Urlaub drum herum. Das Wintertraining lief ähnlich gut wie im Jahr zuvor und so war auch ohne Trainingslager schon früh klar, dass es – sollte nicht Unvorhergesehenes passieren – von der Form her passen sollte. Der Marathon in Herne (200KM, 5:25h) in März gab Gewissheit, dass die Kraftausdauer da war und das Teamtraining in Münster beseitigte latente Zweifel an der Stärke des Teams. Zahlreichen Marathons bis zu 300 KM sorgten für gute Regenerationsfähigkeit und ausreichend Kraft.

Auf dem Weg gen Norden

Wir brachen bereits 1 Woche vorher Richtung Schweden auf, wo wir bei der Schwester meiner Freundin ein paar Tage Urlaub machen wollten. Donnerstags ging es mit dem Auto Richtung Oslo, von wo ich Freitag mit kleinem Gepäck den Flieger nahm und sogar meine CO2-Kartuschen wurden vom Obergepäckdurchleuchter generös durchgewunken. Auf dem Flughafen-Klo in Trondheim traf ich dann erstmal Lasse, wenig später wurden wir von Rolf und Co mit dem Teambus abgeholt. Wir waren mit die letzten und die Fahrerbesprechung auf dem Campingplatz stand an, wo auch mein Rad und meine restlichen Klamotten warten sollten. Alles war tatsächlich heil in Trondheim angekommen, die Sonne schien und die Stimmung war super. Nach einer ausgedehnten Fotosession für die Sponsoren ging es per Rad nach Trondheim, die Startnummern abholen. Ich übernachtete mit einem Teil des Teams im Singsaker Sommerhotel und nach einer leckeren Pizza und einem kleinen Spaziergang klappte es mit dem Schlafen wider Erwarten recht gut.

Frühstück war für 6 Uhr terminiert, der obligatorische Haferbrei sollte die notwendige Energie für den ersten Teil des Tages liefern und auch das geschäftliche erledigte sich wie von selbst. Ein gutes Omen! ;-) Glücklicherweise standen dann auch alle um 7:15 Uhr im Startbereich und es konnte endlich losgehen. Seit Tagen hatte sich die Anspannung immer weiter aufgebaut, dabei ging es wie so häufig nicht um meine eigene Leistungsfähigkeit, bei der ich nach der guten Vorbereitung keine Zweifel hatte. Es ging vielmehr um die Rahmenbedingungen: Wetter, Team, Rennverlauf, Stürze, Ausfälle, Defekte. Das sind die Dinge, die mich im Vorfeld deutlich mehr beschäftigen.

Der Rennfilm

Letzt gilt’s! Der Starter zählt die letzten Sekunden runter und lässt schließlich das Flatterband fallen. Endlich geht es los. Ein Teil der Crew verabschiedet uns am Straßenrand aus Trondheim und springen dann selber in die insgesamt 3 Begleitfahrzeuge. Die Straße ist trocken, das ist schon mal viel versprechend und das erste Schild am Stadtrand von Oslo verkündet schwarz auf gelb leicht provozierend, was nun noch vor uns liegt: 538 KM. Die erfahrenen Leute setzen sich an die Spitze, um erstmal eine saubere Zweierreihe aufzubauen und das Tempo zu kalibrieren. Wir fahren nach einer Marschtabelle, die für jeden Streckenabschnitt eine Richtzeit vorgibt und auf 15:45 Stunden inkl. Pausen ausgerichtet ist. Der erste flache Abschnitt wird etwas schneller als geplant absolviert, immer ein gutes Gefühl für alle Zweifler. Insgesamt scheint von Anfang alles zu passen. Nach 50 KM zieht die Strecke langsam aber sicher an. Es geht hoch in Richtung Dovrefjell, ein für Norwegen typisches Hochplateau, auf dem es schon mal deutlich kälter und feuchter als auch Meereshöhe zugehen kann. Irgendwann fängt es plötzlich an zu regnen. Ein Hagelschauer prasselt auf uns herab und ich hoffe, dass das nicht bei einigen Leuten unangenehme Erinnerungen ans Vorjahr hervorruft. Ich merke, dass die Geschwindigkeit etwas nachlässt, alle sind bei dem Sauwetter wieder etwas mehr mit sich selbst beschäftigt. Der Hagel lässt nach, es regnet jetzt wieder nur noch, aber es wird kälter und niemand hatte Zeit sich Regenklamotten anzuziehen oder gar aus dem Fahrzeug zu besorgen. Da hilft meiner Meinung nach nur weiter zügig fahren, da wird einem so schnell nicht kalt. Aber irgendwann ist der Wurm drin, ich mache meinem Ärger Luft und schimpfe (vielleicht etwas zu) lautstark, dass wir hier nicht bei ner RTF sind. Ich will einfach nicht wieder hunderte Stunden in Training investiert haben, um die Strecke im Bummeltempo zu fahren. Zumindest bin ich nicht allein mit dieser Meinung. Der Wind kommt leicht schräg von vorne, es geht zwischendurch mit 3 – 4 % bergauf und ich will einfach nur fahren. Man merkt auch, dass die Mannschaft nicht ganz homogen zusammengesetzt ist. Beim Führungswechsel geht manchmal ein Ruck durch die Gruppe, kleinere Fehler führen weiter hinten zu Bremsungen, aber das ist durchaus normal. Wir hatten schließlich nur eine Gelegenheit zusammen zu trainieren. So langsam beruhigt sich das Ganze wieder, der Wind steht zwar unangenehm, aber da ich den Streckenverlauf kenne, keimen erste Hoffnungen in mir, dass sich das noch zu unserem Vorteil drehen würde.

Die erste mobile Verpflegung vom Bäckerrad verläuft reibungslos. In Zweierreihe fahren wir, nachdem wir die Flaschen entsorgt haben, rechts und links am Rad vorbei, nehmen zwei neue Flaschen auf und rollen weiter, bis alle versorgt sind. Das Tempo wird wieder angezogen und kontrolliert geht es weiter aufwärts. Ich schau mir die Mitfahrer etwas genauer an, habe mich mit fast jedem unterhalten und merke, dass einigen der Anstieg schon weh tut. Ein paar aufmunternde Worte, ein Scherz, das kann manchmal schon kleine Wunder bewirken. Wenige Kilometer vor der ersten Verpflegung überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Jemand bremst abrupt, der dahinter bremst noch abrupter, der dahinter kommt gar nicht mehr zum bremsen. Es kracht direkt vor mir, ich steuere instinktiv nach links und fahre vorbei. Bei dem mäßigen Tempo sollte es eigentlich glimpflich abgegangen sein. Ich drehe mich um und sehe, dass sich eine ganze Gruppe um die Gestürzten kümmert, darunter unsere Mediziner. Nach kurzer Abstimmung fahren wir weiter, denn in nur 1 KM wartet die erste stationäre Verpflegung auf uns und es kann nach meiner Einschätzung nicht schaden, wenn einige Leute dort etwas mehr Zeit haben. Besser als auf der Straße rumzustehen und zu warten. Am Stopp heißt es persönliche Box suchen, Taschen voll stopfen, Flaschen aufnehmen und pinkeln. Inzwischen sind auch schon alle da und es gibt ein paar böse Worte, weil wir nach dem Sturz weiter gefahren sind. Sei’s drum, es war eine richtige Entscheidung und wir klären das 200 KM später, nachdem sich die Gemüter schon lange wieder beruhigt haben. Wir sind übrigens noch fast vollzählig, ein einziger Teamfahrer musste nur reißen lassen.

Nach der Verpflegung sammeln wir uns und fahren die Hochebene relativ geordnet. Aber irgendwie ist Kein Zug drin, wir versuchen eine Einerreihe zu fahren, aber der Wind wirbelt scheinbar alles durcheinander. Mal läuft es, dann plötzlich wieder nicht. Einige bleiben zu lange in der Führung, andere haben dem Wind einfach zu wenig entgegen zu setzen. Nur langsam kommen wir in den gewohnten Tritt und steuern auf die erste ernstzunehmende Abfahrt zu. Es ist immer noch feucht und man fährt durch einen ständigen Wassernebel. Abstimmungsprobleme treten auf und ich habe bei einigen wenigen Kollegen ob ihrer Fahrweise ein etwas mulmiges Gefühl. Aber es geht alles gut und die Durchgangszeiten werden auch wieder besser. Wir liegen trotz einem völlig verpatzten Sektor jetzt schon einige Minuten unter der Marschtabelle. Bei der offiziellen Zeitmessung in Dombas haben wir aufgeholt. Einige Fahrer zollen dem hohen Tempo im leichten Gefälle und den ebenen Passagen Tribut und müssen reißen lassen.

Das ist das Teilstück bis Lillehammer, wo es richtig abgehen muss. Hier kann man Zeit gut machen und die norwegische Mannschaft, die kurz zuvor noch in Sichtweite war, zeigt uns, wie es geht. Offensichtlich besser abgestimmt als wir, fahren sie uns langsam aber sicher weg. Dennoch absolvieren wir das Teilstück bis Lillehammer, wo die zweite stationäre Verpflegung auf uns wartet, mit einem Schnitt von knapp unter 40 km/h. Mittlerweile scheint durchgehend die Sonne und – wie erhofft – unterstützt uns kontinuierlich eine leichte Brise von hinten. Nicht viel und kaum spürbar, aber ungemein wertvoll. Es rollt schon fast beängstigend gut entlang des schönen Gewässers, auf dem man ganz im Gegensatz zu 2007 Angler sieht, grüne Wiesenhänge und Wälder – was für eine Wohltat für die Sinne. Es macht einen Riesenspaß hier mit dieser Mannschaft Gas zu geben.

In Lillehammer sind wir bei KM 360 noch über 20 Mann und eine Frau, Judith hält sich hervorragend. Sie fährt bis knapp KM 400 mit und wird später sensationell als zweitschnellste Frau das Ziel erreichen. Der Rest hat sich nach und nach verabschiedet, ich hab es bei den meisten kaum mitbekommen. Es beginnt das wellige auf und ab, vor dem viele zu Recht großen Respekt haben. Das Profil gleicht hier eher der Eifel, kürzere knackige Anstiege mit 50 – 100 HM sind der totale Kontrast zum langen Weg auf den Fjell. Ich bin gut drauf und mache mir um meine körperliche Verfassung keine Sorgen. Die Pulswerte sind immer im GA1 Bereich, durchschnittlich 124 bpm über die gesamte Distanz, der Maximalwert bei 163, als ich nach einer Pinkelpause die Gruppe wieder auffahren musste. Natürlich zwickt zwischendurch mal was, aber das geht vorbei. Bei KM 440 tausche ich mich mehr spaßig mit Lasse aus, wir sind etwas gelangweilt vom Radfahren und haben eigentlich beide keine Lust mehr zu fahren, wir wollen nur noch ins Ziel. Das sind die kleinen Momente, durch die man halt durch muss auf einer solchen Distanz. ;-) Ich verwende meine „überschüssige“ Energie darauf, mich um andere zu kümmern – gut zureden, motivieren, scherzen, ein wenig schieben. Das war auch die Rolle, die Axel mir zugeteilt hatte. Außerdem gibt es mir selbst ein gutes Gefühl, hier noch als einer der stärksten unterwegs zu sein. Für mich steht fest: Ich will mit dieser Gruppe gemeinsam ins Ziel, jetzt verlieren wir niemanden mehr und wenn ich ihn schiebe.

Inzwischen ist klar, dass wir mindestens auf Kurs 15:30 h unterwegs sind. Einzig ein kurzer 10%er und die relativ lange Steigung auf der vierspurigen Autobahn E6 vor Oslo stehen uns noch im Weg. Selbst ein Platten am Vorderrad (der Einzige auf der ganzen Strecke) kostet kaum Zeit und bringt uns nicht aus dem Rhythmus. Verpflegt werden wir jetzt mehr oder weniger aus dem Bus. Bergan rollen wir immer wieder die norwegische Mannschaft von „Proteinfabriken“ (hoffentlich geht da alles mit rechten Dingen zu) auf, die uns nach der Verpflegung wieder überholt hat. Wir lassen sie fahren, da wir 5 Minuten nach ihnen gestartet sind und etwas Luft haben.

Von Kilometer zu Kilometer wird die Stimmung zum Ende hin immer besser, fast schon ausgelassen fahren wir die E6 rauf. Innerlich feiern wir die letzten 20 KM schon, gleichzeitig halten wir das Tempo weiter hoch. Jetzt scheint alles möglich. Zogen sich die Kilometer zwischendurch wie Kaugummi läuft es jetzt fast wie im Zeitraffer – zumindest in meiner Erinnerung. Die Autobahnabfahrt kommt , jetzt geht es nur noch um ein paar Kurven ins Industriegebiet, wo sich das Ziel befindet. Axel wird nach vorne beordert. Ehre, wem Ehre gebührt. Rechts. Links. Die Eishalle in Sicht. Rechts. Die Ziellinie vor Augen. Jubelnd, schreiend, triumphierend fahren wir um 22:33 Uhr unter dem Ziel durch. 15:18 zeigt die Uhr, als die Transpondersignale von 18 glücklichen Radfahrern die Zeitmessung mit einem „Piep“ quittieren. Das bedeutete Platz 5 in der Mannschaftswertung.

Etwas steif steigen alle von ihren Rädern ab, aber Schmerzen verspürt jetzt niemand mehr. Axel steht direkt vor mir und bricht spontan in Tränen aus. Ein irrer Moment, wir fallen uns in die Arme. Es dauert ein paar Minuten bis ich alle durch habe und dann seh ich meinen Schatz am Rand hinter dem Absperrgitter stehen und lachen. Schöner kann man nach so einer Hammertour nicht empfangen werden. Jetzt wird erstmal geknutscht, dann machen wir Fotos und köpfen ein paar Flaschen Champagner. Nach und nach trudeln auch die ersten abgehängten Kameraden ins Ziel, alle wohlgemerkt mit super Zeiten.

Irgendwann geht es unter die Dusche mit immerhin lauwarmem Wasser und in warme Klamotten. Das muss sein, der Körper ist leer wie selten und hat Kälte und Infekten so gut wie nichts mehr entgegen zu setzen. Das süße Gefühl des Erfolges aber schwimmt die ganze Zeit mit, während der Tag in wechselnden Kleingruppen analysiert wird. Ich freue mich wie jeck über jede SMS mit Glückwünschen aus der Heimat. Gegen 23:30 verlassen wir das Gelände in Richtung Hotel, ein kurzer Zwischenstopp bei BK muss schon sein. Oslo rüstet sich gerade fürs Nachtleben und ich bin total müde auf dem Weg ins Bett. Komisches Gefühl.

Abspann

Sonntagmittag noch ein kurzes Nachtreffen mit fast allen Fahrern hinterm Bahnhof, noch immer sind die Emotionen voll da. Axel gelingt es nicht drei Sätze ans Team zu richten, ohne dass ihm die Tränen kommen. Die ganze Vorbereitung hat sich gelohnt, alle Unsicherheiten und Probleme wie der Ausfall eines Transporters mussten im Vorfeld kurzfristig kompensiert werden. Die ganze Organisation der Teams und der Crew forderte sicher mehr Zeit und Nerven, als ich mir vorstellen kann, obwohl ich schon vieles mitbekommen habe und zumindest versucht habe, als Ansprech- und Auskotzpartner zur Verfügung zu stehen. Der Dank gebührt daher in erster Linie Axel Fehlau und den unermüdlichen Helfern der Crew, auch wenn ich jetzt nicht alle namentlich nenne. Eins ist für mich klar: Ich fahr lieber 540 KM auf dem Rad als mich in eines der Begleitfahrzeuge zu setzen.

Zum Vergleich: 2007 war es vor allem eine mentale Kraftprobe, 80% war Kopfsache. 2008 dagegen konnte man über weite Strecken Land und Leute genießen und sich voll aufs Fahren konzentrieren. Man bekam auf 540 KM alles mit, was das Land zu bieten hat: Viel Wasser, unglaublich schöne Landschaften, Angler, Regen, Sonne, Kälte, begeisterte Menschen, knochenharte Sportler. “Norway in a Nutshell” halt. Gleiche Strecke, völlig anderes Rennen, die Rechnung ging auf. Den Titel “Den store Styrkeproven” (Dir große Kraftprobe”) trägt das Rennen trotzdem zurecht.

Trondheim – Oslo 2008 wird mir noch lange als Riesenspaß in Erinnerung bleiben!

HEIA HEIA HEIA

Video: Axel und ich bei center.tv

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