Jooo, geht schon hoch! – Dolomiten 2008

Eine Woche in den Dolomiten liegt hinter uns. Nach über einem halben Jahr Planung ging es endlich wieder in die Alpen. Mit 7 Mann bezogen wir vom 26.07. bis 01.08. Quartier in einer Top-Wohnung in Corvara / Alta Badia mitten im Sella Massiv am Fuße von Grödner und Campolongo.

Die Küchenschränke waren am Anreisetag schnell gefüllt, jeder hatte irgendwas an Süß- und Knabberkram dabei. Super, wie das immer läuft! Am Anreisetag wollten wir jedoch keine Zeit verlieren und noch bevor die Taschen ausgepackt waren, saßen wir auf den Rädern und nahmen den ersten Pass in Angriff. Eine lockere Tour zum Einrollen sollte es werden, doch bereits am Passschild des Valparola setzte heftiger Regen ein und die Weiterfahrt über Falzarego erschien reichlich ungemütlich. Also entschieden wir uns zum Rückzug und machten uns auf die noch trockene Abfahrt, doch bereits nach wenigen Kilometern hatte uns der Regen eingeholt. Die Tropfen peitschten einem bei über 80 km/h nur so ins Gesicht, der Himmel öffnete alle Schleusen, so dass wir durchnässt Schutz unter ein paar Bäumen suchten. Schlotternd und bibbernd warteten wir auf das Ende des Schauers, doch es hörte und hörte nicht auf. Also zitterten wir uns mit klammen Fingern ohne Bremswirkung den Rest der Abfahrt hinunter und versuchten zu Hause agekommen nacheinander mit heißen Duschen wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Bilanz 26.07.: 37,6 KM / 985 HM

Nach einer Pizza ging’s ins Internet Pub den Wetterbericht checken. Dies sollte in der gesamten Woche zum täglichen Ritual werden. Die Aussichten waren bescheiden, eine hohe Regenwahrscheinlichkeit ab mittags machte Kartenstudium und einen Plan B notwendig. Also ging es Sonntags per Auto nach Bozen, auch kein Vergnügen bei dem Verkehr. Das konnte keine Alternative für die nächsten Tage sein. doch die Runde über das Hochplateau bei Mölten, Gampenjoch und Mendelpass entschädigte für die Gurkerei mit dem Auto. Mein persönlicher negativer Höhepunkt war der Umfaller meines Rades an der Gaststätte im Ort mit dem bezauberneden Namen “Unsere liebe Frau im Walde”. Das Oberrohr hatte dem einzigen Stein weit und breit wenig entgegenzusetzen und so ziert fortan ein Riss die betroffene Stelle. Da es weiter gehen musste, entschieden wir, dass nur die Deckschicht betroffen sei und keine unmittelbare Gefahr davon ausginge. So redet man sich das schön und ist fortan trotzdem mit einem mulmigen Gefühl unterwegs. Bilanz 27.07.: 131,4 KM / 3181 HM

Das Wetter in Corvara versprach keine Besserung, schwülwarm und Gewitter im Tagesverlauf, typisches Sommerwetter in den Bergen. Also hieß es fortan früh aufbrechen, um möglichst lange trocken zu fahren. Was nur teilweise gelang.

Am Montag sollte es über Grödner, Sella und Fedaia zum Passo Giau gehen, der von der Südseite her mit durchgängig 9% im Mittel lockt. Doch auf der Abfahrt vom Fedaia, einer der schnellsten Abfahrten überhaupt, fing es erneut an zu schütten. Wir retteten uns in ein Lokal mitten im Steilstück, wobei sich das Anhalten an der Stelle als gar nicht so einfach erwies. Nach Capuccino und Strudel ging es immer noch bei Dauerregen weiter und so entschied sich die Häfte der Truppe vorm Giau zu desertieren und den direkten Heimweg anzutreten. Zu viert nahmen wir den Giau im ständigen Nieselregen in Angriff, der von Süden tatsächlich eine echte Hausnummer ist, die Steigung ist eigentlich immer konstant bei 9% und mehr. Belohnt wurden wir mit einer fast vollständig trockenen Abfahrt und einem sonnigen Heimweg. Bilanz 28.07.: 116,8 KM / 3916 HM

Ein runter gefahrener Schlauchreifen bescherte uns am Abend zu ein besonderes Highlight. Auf der Suche nach einem erfahrenen Mechaniker landeten wir nach der Besichtigung einer Pinarello-Glitzerbude im Keller eines alteingesessenen Radhändlers mit Campa-Einzelritzeln an der Wand und Ersatzteilen für so ziemlich jede existierende Nachkriegsgruppe. Der Besitzer, Mitorganisator des Maratona delle Dolomiti, hatte einen nicht zu übertreffenden Unterhaltungswert und kannte natürlich jede kleine Straße der Region. “Jooo, ist schon steil.” Er empfahl uns eine ruhige landschaftliche Strecke, die wir prompt für den nächsten Tag ausarbeiteten.

Früh sollte los gehen, was bereits beim Frühstück zu internen Abstimmungsproblemen und leichten Differenzen führte mit der Folge, dass wir nur zu sechst aufbrachen. Schade! Die abschüssige Hauptstraße von Corvara Richtung Zwischenwasser war rasch geschafft und was dann folgte, war ein Radfahrertraum. Kaum Verkehr, Sonnenschein, gute Straßen und eine fantastische Landschaft durch die Hochalmen am Würzjoch, kombiniert mit einer schier endlosen Abfahrt durch das Funestal über Lajen und Sankt Peter. Von dort ging es über Wolkenstein und Grödner zurück nach Corvara – natürlich mal wieder mit Regen. Bilanz 29.07.: 113,5 KM / 3226 HM

Devise für Mittwoch war: kein Regen und dadurch kam die Autovariante wieder ins Spiel. Von Cencenighe starteten wir zur Runde über den wenig bekannten, aber sehr schönen Passo Cereda, den ewig langen aber moderaten Passo Rolle und den Passo Valles. Irgendwie war es nicht unser Tag, schon beim Einrollen der erste Durchschlag und das war nur der Anfang. Insgesamt 8 Mal schlug der Plattenteufel zu, Kollege blitzdings konnte einem nur noch leid tun. Ursache war neben Pech vermutlich ein werkseitig montiertes, zu schmales Felgenband. Notgedrungen trennten wir uns und bestritten zu fünft mit zwei verbleibenden Schläuchen und einer CO2-Kartusche nicht ganz risikolos den Rest der Runde. Abgesehen von ein wenig Nieselregen ging aber alles gut. Unser Pannenkönig betäubte seine Wut damit, die kleine Sellarunde in der Abenddämmerung zu schwimmen. Im Nachhinein frag ich mich ehrlich gesagt immer noch, was schlimmer ist: Eine Stunde Regen oder 8 Plattfüsse… Bilanz 30.07.: 102,7 KM / 2763 HM

Für Donnerstag gab es eine verheerende Wettervorhersage. Dennoch wollten alle zumindest kurz aufs Rad. Einige fuhren die Sellarunde, wir rollten zu Dritt mal Richtung Radhändler und fragten nach schönen fahrbaren Wegen. Damit lagen wir wieder goldrichtig. Eine zuvor ausgeguckte Passage war zwar nicht fahrbar, aber wir bekamen stattdessen eine Panoramastraße oberhalb der Hauptstraße empfohlen, was sich wieder als absoluter Geheimtipp erwies. Wir umrundeten dabei quasi den Kronplatz, nahmen anschließend den Furkelpass unter die Räder. Auf der Passhöhe war ein Riesengetümmel, denn der Giro delle Dolomiti machte hier Quartier. Die Teilnehmer fuhren das Zeitfahren von Sankt Virgil auf den Kronplatz nach. Das erwies sich als Glücksfall, denn wir ließen uns munter mitversorgen und ich konnte einen neuen Hinterreifen kaufen, da meiner sich in spontaner Auflösung begriff. Auch ein neues Felgenband für den Pannenkönig war drin, denn ohne jeglich Fremdeinwirkung quittierte der Vorderreifen bzw. die darin befindliche Luft von blitzdings plötzlich den Dienst. (Zum Glück nur unten. ;-) ) Sehr kuriose Situation mal wieder. Wir hofften noch Wildspitze dort zu treffen, aber darauas wurde leider nichts. Einmal am Fuße des Kronplatz angekommen, wollten wir doch dann zumindest mal schauen, was es denn mit diesem ach so legendären Anstieg so auf sich hat. Ich kann nur sagen: Alles ist wahr! Auf knapp 6 KM gilt es über 500 HM zu überwinden und das auf einer Naturstraße sprich auf Schotter. Das Vorderrad schmiert in manchen Kurven munter weg im groben Geröll. in jeder der 16 (?) Kehren grinst einem ein anderer Giro-Sieger ins Gesicht und dann gibt einem Pantani in der letzten den Rest. Dort wo man denkt: “Gleich ist es vorbei!” haben sie die Piste kurzerhand senkrecht in den Berg gezimmert. Man steht plötzlich vor einer Wand aus Schotter. Wild entschlossen stampfte ich dagegen an, als ich plötzlich mitten im steilsten Stück merkte, dass mein Hinterreifen Luft verlor. Die 3 (!) Mechaniker, die den Reifen aufgezogen hatten, müssen dabei das Felgenband verschoben haben, was mich um einen ehrlichen Kampf Mann gegen Berg brachte. Stattdessen hieß es wieder flicken und irgendwie das Dilemma mit dem Felgenband beheben. Zum Glück bekam ich Verstärkung, denn auch meine Mitstreiter wurden von dem Monster abgeworfen. Irgendwie blödes Gefühl an einer solchen Stelle durch einen Defekt um den möglichen “Erfolg” gebracht zu werden, aber halt nicht zu ändern. Nach Schadensbeseitigung wurde der Rest des Anstiegs , der wieder mit deutlich über 20% aufwartet wieder standesgemäß im Sattel bezwungen. Mit Rennradfahren hat das allerdings wenig zu tun. Der Rückweg nach Corvara verlief ohne Probleme und zu Hause hatten wir wenigstens eine kleine Heldengeschichte mehr zu erzählen. Bilanz 31.07.: 109,6 KM / 2240 HM Soviel zum Ruhetag!

Am Freitag stand noch ein besonderes Schmankerl auf dem Programm. Der Fedaia von der Ostseite mit seinen langen steilen Rampen, die die Abfahrt so schnell und den Aufstieg so schmerzhaft machen. Im Profil wird er auf 2 KM mit durchschnittlich 12,6% ausgewiesen, da kann man schon mal Muffen bekommen. Davor waren mal wieder Valparola, Falzarego und der Giau (diesmal von Norden) zu überwinden. Die Abfahrt vom Giau ist für mich eine der schönsten, weil man auf der Südrampe mit im Mittel 9% Gefälle immer wieder schnell ein Höllentempo drauf bekommt und gut einsehbare Kurven mit verschiedenen Radien dabei für Abwechslung sorgen. Wegen Defekt eines Mitfahrers durften wir den dann gleich wieder 300 HM zurück, um dem gestrandeten Hilfe zu leisten. Er durfte die Heimreise nach Corvara im Auto einer holländischen Profi-Speedskater-Truppe antreten. Tja, und dann der Fedaia. Der Anfang ist noch recht moderat, aber die langen Steilstücke sind für meinen Langstreckenmotor zu steil, das artet in Quälerei aus. Alpencrosser und Bergflöhe haben da bessere Karten und so machten beppo und keats das Ding unter sich aus. Nach dem mittleren Steilstück gibt er es einem am Ende mit 16% noch mal so richtig. So hieß es für mich nur noch Rückstand minimieren und die anderen zumindest in Sichtweite halten. Dafür konnte ich meine Qualitäten zum Abschluss am Passo Pordoi gemeinsam mit blitzdings ausspielen. Wie im Vorjahr pulverisierten die Pordoi-Brothers :-D den Anstieg von Canazei im leichten Regen immer am Rande der Kotzgrenze. Zum Abschluss einer anstrengenden Woche standen uns nur noch eine Abfahrt mit 33 Serpentinen und der kleine Campolongo im Weg. In strömendem Regen wieder – aber man wird mit der Zeit auch dabei immer sicherer und lernt, was Reifen und Bremsen so her geben. Beides ging daher zum Glück sturz- und defektfrei ab. Bilanz 01.08.: 127,2 KM / 4265 HM

Am Ende von 7 Tagen standen Freitag insgesamt rund 750 KM mit knapp über 20.000 Höhenmeter zu Buche. Das ist schon ein ganz ordentliches Pensum, wenn man berücksichtigt, dass davon 19.000 HM an 6 Tage gefahren wurden. Die Gruppe war trotz kleinerer Konflikte super und man kann sich im Zweifel auf jeden verlassen und das wichtigste wie immer, es gab keine Stürze und/der Verletzungen. Einziges Manko: Es gibt von der diesjährigen Tour leider kaum Bilder, da aufgrund der Wetterlage verständlicherweise niemand auch noch einen Fotoapparat in der Trikottasche unterbringen wollte und konnte.

Samstags fuhren wir mit dem Auto gen Österreich, wo wir in der besten Pension der Alpen bei Familie Gigele das ganze Haus gebucht hatten. Am Sonntag sollte der TirolWest Radmarathon den krönenden Abschluss bilden, doch das ist ein Bericht für sich.

Erkenntnisse der Woche für Insider:

  • Der Radroutenplaner mit dem großen “T” ist gar nicht so schlecht für die Tourenplanung.
  • IPX7 nützt auch nicht immer was beim Radfahren.
  • Carbon hält mehr aus als man meint oder ein Oberrohr wird gar nicht sooo sehr belastet.
  • Ein gemeinsames “Feindbild” ist zwar doof für den Auswerwählten aber gut für den Teamgeist.
  • Haribo kann man bei bestimmten Mitreisenden nie genug haben.
  • Von wegen Kraft der zwei Herzen – eins kann ganz schön wehtun.
  • Babytücher sind nicht gleich Babytücher.
  • Zischschschsch ist ein verdammt fieses Geräusch.
  • Ohne Snooze ist alles nur halb so schön. :-x
  • Ruhetage sind entbehrlich.
  • Schweinebucht ist überall.
  • Frau Gigele ist die Beste!

In diesem Sinne: Ich roll schon mal vor!

1 Kommentar


  1. Das liest sich gut,
    hätte Euch weniger Regen gegönnt.
    Aber ihr habt ja trotzdem ein ordentliches Pensum abgelegt, Respekt.
    Lieben Gruß,
    Maggie

    Zitat | Posted 8. August 2008, 0:51

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